Gedankenblase: Was steckt hinter den Insolvenzen im deutschen Modeeinzelhandel?

Gedankenblase: Was steckt hinter den Insolvenzen im deutschen Modeeinzelhandel?

18/07/2023
Lesezeit: 4 Min.

Digitalisierung, Pandemie und Inflation: die Gründe für Umsatzrückgänge und Insolvenzen im deutschen Einzelhandel sind vielfältig. Gab es 2022 nach Lockerung der Corona-Restriktionen Hoffnung auf eine Erholung im Einzelhandel, wurden diese schnell durch steigende Kosten für Energie, Benzin und Lebensmittel getrübt. Zwar kann der Modemarkt vom Nachholbedarf der Konsument:innen und der Rückkehr von Anlässen wie Hochzeiten und Familienfesten profitieren, dennoch sehen wir aktuell viele, auch renommierte Unternehmen in die Insolvenz schlittern (Stand: 18. Juli 2023).

Gerade der Schuhmarkt durchlebt zur Zeit viele Turbulenzen. So meldete zum Beispiel im März 2022, nur sechs Monate nach einem Eigentümerwechsel, das Osnabrücker Schuhhaus Reno, einer der größten deutschen Schuhhändler, Insolvenz an. Reno hat nach Angaben des Unternehmens über 180 Filialen und beschäftigt insgesamt rund 1000 Mitarbeiter:innen. Das ist allerdings nicht der einzige Schuhhändler, der aktuell in wirtschaftlichen Schwierigkeiten steckt: auch große Player wie Görtz, Salamander, Shoepassion sind aktuell insolvent.

Schuhe als Teil eines breiten In-Store-Konzepts

Der Schuhmarkt in Deutschland spiegelt die Entwicklung des Modeeinzelhandels im Allgemeinen wider: Die Folgen der Pandemie-Lockdowns und der Inflation definieren neu, was die Verbraucher:innen im Einzelhandel suchen. Doch die Schuhbranche steht vor zusätzlichen Herausforderungen, denn der Schuhhandel, wie wir ihn traditionell in spezialisierten Geschäften kennen, hat Konkurrenz bekommen, die offensichtlich den Bedürfnissen moderner Kunden:innen besser entspricht. Wie eine Mintel-Befragung im März 2023 zeigte, finden über die Hälfte aller deutschen Modekäufer:innen besonders solche stationären Händler attraktiv, die eine möglichst breite Produktauswahl anbieten. Dabei haben Bekleidungshändler, ob Kaufhaus oder Boutique, einen klaren Vorteil. Nicht nur können sie Schuhe in einem breiteren Umfeld inszenieren, sondern auch im Kontext mit Bekleidung als komplette Outfits abbilden. 

So auch viele große vertikale Modeketten – allen voran Zara. Die spanische Schuhgruppe Tempe, die Schuhe für alle Inditex-Marken entwirft und herstellt, verkaufte im vergangenen Jahr fast 4 Millionen Paar Schuhe in Deutschland, auch in Kollaborationen mit anderen Marken wie  Clarks. Dazu fungieren auch viele Sportgeschäfte zunehmend als Schuhanbieter, was neben dem Sneaker-Trend auf den Wandel der Mode hin zu Aktiv- und Outdoor-Looks während der Corona-Lockdowns zurückzuführen sein könnte. Mehr als die Hälfte aller deutschen Männer zwischen 16 und 24 haben im letzten Jahr Sneaker oder andere Sportschuhe gekauft, wie Mintel in einer Studie zum Thema Sportbekleidung ermittelte. Dennoch gibt es unter den klassischen Schuhhändlern aktuell auch Gewinner, wie etwa Deichmann, dem größten deutschen Einzelhändler für Schuhe – bekannt für seine erschwinglichen Preise und modischen Designs. 

Sich mit kreativen Konzepten von der Masse abheben

Betrachtet man die Entwicklung auf dem Schuhmarkt, so kann man davon ausgehen, dass Deichmann nicht nur durch eigene Konzepte den Gewinn steigern konnte, sondern zusätzlich von der Abwanderung der Kunden:innen aus dem höherpreisigen Einzelhandel profitierte. Aber zum Beispiel auch von der Integration bekannter und teurerer Modemarken, die zu einem höheren Preis angeboten werden als der Deichmann-Eigenmarkenschuh. Im Februar 2022 gelang zum Beispiel ein überraschender Coup mit Nike: Deichmann verkaufte in ausgewählten Filialen einen „Tom Sachs x Nike“-Sneaker, ein Sammlerstück, das sonst nur in spezialisierten Sneaker-Stores erhältlich ist und das bereits nach wenigen Minuten ausverkauft war. Das zeigt: Interessante, kreative Konzepte, die “Fomo” (Eng.: fear of missing out, zu Deutsch: die Angst, etwas zu verpassen) erzeugen, können sich lohnen. 

Informiert in die Zukunft

Aber heißt das das Aus für den klassischen Schuhhandel? Vermutlich nicht, aber es ist heute wichtiger als je zuvor die Bedürfnisse der eigenen Zielgruppe genau zu kennen. One Size fits all – das stimmt für das Produkt Schuh genauso wenig wie für den Handel dazu. Die passende Produktauswahl und Präsentation sind da nur der erste Schritt, belebende Kollaboration, der richtige Mix aus Online Shop und stationärem Geschäft sowie die Auswahl der passenden Marktplätze und Partner – es sind viele Faktoren die bedacht werden wollen, um den Einzelhandel auch in Krisenzeiten zukunftssicher zu machen. 

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